Das abseits endgültig im Abseits
Jahrelanger Kampf - umsonst

Vier Jahre hat der abseits-Verein für die Wiedereröffnung der gleichnamigen Neustifter Kultkneipe gekämpft. Vier Jahre lang haben mehr und mehr engagierte Kulturliebhaber an das Gute geglaubt, daran, dass das Gemeinwohl mehr zählt als der Profit. Fast 300 Mitglieder zählt der Verein aktuell. Die Idee: Die Stadt kauft das Areal und sichert damit Kulturraum für die Zukunft; der Verein hätte die Immobilie auf Erbpacht übernommen und als Kulturzentrum betrieben. Doch immer wieder wurde die Entscheidung vertagt, musste neu verhandelt werden. Jetzt sind die Pläne endgültig Geschichte, die ehrenamtlichen Kulturkämpfer wurden bitter enttäuscht: In einer nichtöffentlichen Sitzung im Februar musste sich der Freisinger Stadtrat gegen den Kauf des Areals aussprechen. Der von Graf Guy von Moy geforderte Kaufpreis lag weit über dem von der Stadt ermittelten Grundstückswert. 1,8 Millionen hätte die Stadt dem Grafen für das denkmalgeschützte Areal gezahlt, 700.000 Euro mehr, als das Wertgutachten ergeben hatte. Doch Graf Moy blieb bei seiner Forderung von 2,4 Millionen Euro – das endgültige Aus für das abseits. Norbert Bürger, Vorsitzender des abseits-Vereins, kennt alle Hintergründe und Insider-Infos und war bereit, sie dem FINK zu erzählen.

Vier Jahre kreativer Kampf – warum hat die Entscheidung, ob gekauft wird oder nicht, so lange gedauert?

Vor allem, weil Herr Moy diese horrende Forderung gestellt hat und auf die verschiedenen Angebote der Stadt nicht eingegangen ist. Man hat ihm zum Beispiel neben dem Kauf auch verschiedene Grundstücke zum Tausch angeboten.

…aber auch?

Aber auch in der Stadtverwaltung ist oft monatelang nichts passiert. Unser Finanzchef Hannes Kestler kann davon ein Lied singen. Es gab da offensichtlich massive Gegner des Projekts.

Woran machst du das fest?

Die Stadt hat zum Beispiel ein Gutachten erstellen lassen, das mit dem Vorhaben des Vereins nichts mehr zu tun hatte: Laut dieses Gutachtens hätte die Renovierung fast vier Millionen Euro gekostet, allein für den Biergarten waren da 200.000 Euro veranschlagt. Vielleicht hatte man von uns erwartet, Marmorböden zu verlegen mit Skulpturen und Springbrunnen? Übrigens, auch der Finanzausschuss hat dieses Gutachten für völlig übertrieben erklärt. Wirklich schockierend war allerdings, dass es noch zwei Jahre später den Sitzungsunterlagen als Entscheidungsgrundlage beigelegt worden ist. Da fragt man sich natürlich, ist es Schusseligkeit oder will man uns abschießen?

Wie stand deiner Meinung nach der OB zu dem Projekt?

Die Kommunikation zwischen OB und Verein war immer gut. Tobias Eschenbacher war von Anfang an ein großer Befürworter des Projekts. Aber er selbst hat einmal gesagt, dass es nie auf seiner Prioritäten- Liste ganz oben stand. Ich hätte mir dennoch mehr Verhandlungspower gewünscht, dann hätte man das Ganze von vornherein in eine andere Spur bringen können. Aber natürlich mache ich ihn auf keinen Fall für das Aus des Projekts verantwortlich.

Wie stand der Stadtrat zu eurem Vorhaben?

Er war gespalten. Das war auch zu erwarten. Wirklich bitter finde ich, dass man sich über den Verein lustig gemacht und das Projekt als „Gorch Fock Freisings“ betitelt hat. Das kam von Peter Warlimont von der SPD, die ohnehin geschlossen dagegen war. Ich empfand das als sehr respektlos und verletzend. Bis auf zwei war auch die CSU gesammelt dagegen. Und auch da war die Haltung oft herablassend mit Aussagen über den Verein wie „Am Nackerten glangt ma ned ind Hosendaschen“ von Rudolf Schwaiger. Diese Aussage ist überheblich, wenn man bedenkt, dass wir Experten in Sachen Bauwesen und Finanzen in unseren Reihen haben. Und die Meinung, dass mit dem Lindenkeller der Kulturauftrag der Stadt erledigt sei, wie Herr Schwaiger das einmal sagte, ist lächerlich. Und die FDP war natürlich dagegen, alles andere wäre ja auch absurd.

Und die Unterstützer?

Die kamen zum Teil aus der Freisinger Mitte, von den Freien Wählern, den Linken und der ödp. Am meisten haben die Grünen dieses Projekt vorangetrieben. Und ich möchte Hubert Hierl noch erwähnen. Der Kulturreferent war uns immer wohlgesonnen und hat uns all die Jahre die Stange gehalten.

Wie stand euch denn die Öffentlichkeit gegenüber?

Ich hatte sehr viele Gespräche mit Leuten die Kritik an dem Projekt äußerten. So eine Idee überzeugt eben nicht jeden, so lange man respektvoll miteinander umgeht, ist das völlig ok für mich. Aber manche Menschen haben sich anscheinend von unserem Projekt geradezu provoziert gefühlt. Ich frage mich noch immer, was genau sie da getriggert hat.

Kritiker argumentierten unter anderem damit, dass keine öffentlichen Gelder zur Rettung einer Kneipe ausgegeben werden dürfen.

Ich möchte erst einmal eines klar stellen, es ging um mehr als nur eine Kneipe. Wir wollten ein Kulturzentrum schaffen. Nun zu öffentlichen Geldern: Wenn die Stadt dieses Areal gekauft hätte, hätte sie absolut keinen Verlust damit gemacht. Das Gebäude wäre im Besitz der Stadt geblieben, der Verein hätte einen kulturangepassten Erbpachtsatz monatlich bezahlt und die gesamte Wiederinstandsetzung der beiden Gebäude mit Hilfe der GLS Bank finanziert. Unser Finanzplan war von Fachmännern erstellt.

Warum soll eine Kommune denn nun eine kleine Bühne wie das abseits retten?

In der heutigen Zeit, in der der Kapitalismus so stark ist, ist es fast nicht möglich ohne öffentliche Unterstützung Kleinkunst zu erhalten. Es muss natürlich große Bühnen geben. Aber da entsteht keine Kunst, da wird sie gezeigt, wenn sie reif ist. Da kann man zum Beispiel den Zusammenhang von abseits und Asamtheater sehen. Klar, das Asamtheater gehört bereits der Stadt und ist renovierungsbedürftig, aber die Renovierung kostet über 50 Millionen Euro. Ich persönlich finde es gut, dass es trotzdem gemacht wird, aber es muss allen bewusst sein: Auf den kleinen Bühnen entsteht Neues, da können sich Nachwuchskünstler ausprobieren und etablierte sich weiter entwickeln; wenn diese Bühnen wegbrechen, dann wird in 20 Jahren kein Freisinger Künstler mehr im Asamtheater auf der Bühne stehen und auch nicht in der Luitpoldhalle oder im Lindenkeller.

Letztendlich ist das Projekt ja nun am Besitzer, Graf Guy von Moy gescheitert. Wie hast du den Grafen und sein Vorgehen in dieser Sache in den vier Jahren erlebt?

Vor fast fünf Jahren ist Herr Moy auf uns aufmerksam geworden dank des ab- seits-Chores, da hat er uns zum Weißwurst- Frühstück eingeladen und hat sich von seiner besten Seite gezeigt, sehr kulturinteressiert, zuvorkommend – adelig eben. Herr Moy hat uns versprochen, falls wir einen Käufer finden würden, würde er das Areal verkaufen. Als wir den Käufer dann präsentierten, hat er uns abgesagt. Angeblich, weil er ein besseres Angebot bekommen hatte. Und so ging das weiter: eine Klausel im Vertrag, die eine Kommune nicht akzeptieren konnte, drei abgelehnte Tauschgrundstücke und schließlich ein utopischer Kaufpreis.

Das klingt so, als ob er nie vorhatte zu verkaufen…

Das wäre sehr spekulativ, wenn ich das behaupten würde. Fest steht, dass er uns keine Chance gelassen hat. Jetzt wirft er uns vor, es könnten mittlerweile schon 12 bis 15 Familien dort wohnen. Hätte er sein Versprechen gehalten, dann würden da längst Konzerte, Kleinkunst, Kabarett, Theater und Lesungen stattfinden. Der Gipfel ist, dass er nun behauptet, durch die Verzögerung müssten diese Familien nun 30 Prozent mehr Miete bezahlen. Es hat schon einen Grund, warum unsere Mieten ins Unermessliche steigen.

Das Thema ist ganz schön emotional, oder?

Ja, logisch. An diesem Platz ist seit 150 Jahren Gastronomie, viele unserer Großeltern haben sich dort bei Tanzkursen kennengelernt oder ihre Hochzeiten dort gefeiert. Das ist ein traditioneller Ort für Kultur und Begegnungen und jetzt soll er zerstört werden dafür, dass eine einzige Person profitiert. Das übersteigt mein ethisches Verständnis. Übrigens ist das abseits nicht das einzige Objekt, dessen Bedeutung der Graf missachtet. Wenn ich an das Haager Schloss denke, die Freisinger Aktienbrauerei, den Peterhof am Mainburger Berg oder an den Gasthof „Zur Gred“. Und es gibt noch mehr Beispiele.

Wenn du ihm noch einmal persönlich gegenüberstehst, was wirst du ihm sagen?

Glückwunsch!

Wie geht es dir jetzt mit diesem Ende und was hat dir das Projekt ganz persönlich bedeutet?

Für mich persönlich waren diese kleinen Bühnen in meiner Laufbahn essentiell, ohne die hätte ich nie den Beruf als Bühnenkünstler erlernen können. Ich bin sehr frustriert über den Ausgang, ich habe daran geglaubt, dass es klappen muss, wenn man so viel Einsatz zeigt. Bis jetzt war das in meinem Leben immer so, diesmal leider nicht.

Ziehst du auch etwas Positives aus dieser Zeit?

Natürlich, wir haben zwar die Schlacht verloren, aber wir haben es probiert. Es sind viele Freundschaften entstanden und wir haben meiner Meinung nach tolle Veranstaltungen gemacht. Nicht zu vergessen: der abseits-Chor und die abseits-Ramblers haben sich gegründet. Und vor allem ist es unglaublich, dass uns so viele Leute bei dieser Aktion unterstützt haben. Wir hatten schon 80 Zusagen für Eigenleistungen bei der Sanierung. Dass das Interesse über den Landkreis hinaus so groß war, zeigt, wie wichtig die Rettung der Kulturkneipe gewesen wäre. Im Namen des Vereins möchte ich mich bei allen Unterstützern und Spendern ganz herzlich bedanken!

Ein Blick in die Zukunft: abseits-Verein, abseits-Chor und abseits-Ramblers gehören mittlerweile zu Freisings Kulturleben – auch in Zukunft?

Ich denke schon. In welcher Form und mit welcher Intention ist natürlich noch unklar, da müssen wir uns erst vereinsintern beratschlagen.

(Interview: Claudia Bauer)

Dieser Artikel erschien im FINK-Magazin vom April 2020.
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