Das Aus von Kyrios

Es ist das Ende eines fast 60 Jahre währenden Kapitels jüngerer Freisinger Stadtgeschichte: „Räumungsverkauf “ ist seit ein paar Wochen in großen Buchstaben an den Schaufenstern der „Kyrios“-Buchhandlung an der Unteren Hauptstraße zu lesen. Ab 1. April – und das ist leider kein Aprilscherz – wird es „Kyrios“ in Freising nicht mehr geben. Eine Institution hört auf.

Zum 31. März schließt also das Geschäft, das sich seit 1954 in Freising als „Dienst am Wort“ in der Domstadt verstand. Ein Entschluss, der der Geschäftsführerin Paulina Scheckenbach und ihrer Kollegin Regina Fuchshuber, wie sie unumwunden zugeben, wahrlich nicht leicht gefallen ist. Gründe gibt es viele: Im Endeffekt sei es eine Mischung aus Altersgründen, der Konkurrenz in Freising und im Internet sowie auch der geänderten Rahmenbedingungen in der Gesellschaft gewesen, die jetzt dazu führt, dass man von den Gesellschaftern des 1915 in Graz vom Priester Max Josef Metzger als „Volksheil-Verlag“ gegründeten „Kyrios-Verlags für christliches Geistesgut“ (seit 1946) Grünes Licht zur Auflösung der Buchhandlung bekam. 1922 änderte der Verlag seinen Namen in Paulus-Buch-und Versandhandlung, sechs Jahre später wurde das Unternehmen von Graz nach Meitingen bei Augsburg verlegt. 1933 erfolgte die Umbenennung in Christkönigs-Verlag, der seit 1934 von den Nazis verfolgt und schließlich Ende April 1935 polizeilich aufgelöst wurde. 1940 wird der Verlag von mehreren, der Christkönigsgesellschaft nahestehenden Personen gekauft und eine Kommanditgesellschaft gegründet. Ihr Name, unter dem sie im November 1940 im Handelsregister eingetragen wird: „Kyrios-Verlag Konrad & Co., Meitingen“. Nur zwei Monate später muss man sich wieder neu benennen, heißt seitdem „Kyrios-Verlag für christliches Geistesgut, Konrad & Co.“. 1943 erfolgt die Schließung der Buchverlags-Abteilung, kurz später findet eine Großrazzia durch die Augsburger Gestapo statt, Metzger wird verhaftet. Doch man ist nicht kleinzukriegen: Am 11. Juni 1946 beginnt unter dem Namen „Kyrios-Verlag für christliches Geistesgut GmbH“ die Nachkriegsgeschichte. 1954 übernimmt man die Druckerei Karl Warmuth in Freising (Luckengasse 8), eröffnet einen Monat später dort auch die katholische Buch- und Kunsthandlung. Am 13. Juni 1965 wird die moderne Buchhandlung im Neubau an der Unteren Hauptstraße 33 eröffnet – dort also, wo jetzt der Schlussverkauf stattfindet. Nachdem man seit 1970 als „Kyrios-Verlag GmbH Meitingen“ auftritt, werden Ursula Blum und Paulina Scheckenbach zu neuen Geschäftsführerinnen bestellt. In diesen Jahren finden ständige Erweiterungen der Buchhandlung statt. 1991 dann ein schwerer Rückschlag: Die Buch- und Schreibwarenhandlung in Meitingen muss schließen, ebenso werden die Tätigkeiten des Verlags und der Versandbuchhandlung eingestellt. Was bleibt, ist die Kunst- und Buchhandlung in Freising. 1997 bekommt Scheckenbach als Partnerin Regina Fuchshuber zugeteilt, die bereits seit 1964 in der Buchhandlung arbeitet. Im Februar 2011 trägt dann das Duo dem Christkönigs-Institut seine Sorgen und ernsthaften Überlegungen vor, die Freisinger Buchhandlung zu schließen. Schweren Herzens fällt der Entschluss. „Es ist halt so“, sagt Scheckenbach jetzt, der nicht nur die Mitarbeiterinnen, sondern auch die Kunden fehlen werden. Denn: „Wir waren nicht bloß ein Geschäft, Kyrios war auch eine Begegnungsstätte.“
Viele Kunden, die bis heute ihre Bücher bei „Kyrios“ kauften, sind Kinder von Freisingern, die schon früher Stammgäste in der Unteren Hauptstraße waren. Alles in allem also: „Kyrios“ war so etwas wie eine Familie. Scheckenbach selbst hat auch noch die Anfänge der Buchhandlung in der Luckengasse 8 miterlebt, wo sich der Verlag nach der Umsiedelung von Meitingen niederließ. Die Reaktionen auf die Geschäftsaufgabe fielen, so berichtet sie, so aus: „Das können Sie uns doch nicht antun“, zitiert Scheckenbach den Tenor der Kunden.

Einer hat gar eine Anzeige aus dem Freisinger Tagblatt mit einem Trauerflor versehen und mitgebracht. Die meisten Angestellten seien Teilzeitkräfte, die auch bereits im Rentenalter seien, sagt Scheckenbach. Eine ausgebildete Buchhändlerin und eine Teilzeitkraft müssten sich allerdings jetzt nach einer neuen Arbeitsstelle umsehen, bedauert die Geschäftsführerin. Nicht nur das geänderte Kaufverhalten – Stichwort: Internet – hat „Kyrios“ zu spüren bekommen. Auch ein schwindendes „Empfinden für Religiöses“ habe man zunehmend festgestellt, schildert Scheckenbach ihre Erfahrungen der letzten Jahre. Denn bekanntlich hat es bei „Kyrios“ im Erdgeschoß viele christliche und kirchliche Objekte wie Figuren oder auch einmal Kripperl, dazu Ikonen und manch anderes mehr gegeben. Nun wird es ab 1. April in der Dom- und Bischofsstadt Freising keinen Rosenkranz mehr zu kaufen geben, sagt Scheckenbach etwas traurig.
Langeweile wird bei den beiden Mitgliedern des Christkönigs-Instituts, dem Hauptgesellschafter des Verlags, aber nicht aufkommen: Zum einen muss die GmbH noch ein Jahr weitergeführt und korrekt abgewickelt werden. Zum anderen habe man jetzt Zeit für Dinge, die das Leben vom und vor allem für das Buch nicht zuließ.




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