Die Grottenau: Der Versuch einer Annäherung
Die Stadtheimatpflege blickt nach Neustift

Die Grottenau im Zentrum des Freisinger Stadtteils Neustift nördlich der Neustifter Kirche ist mit ihren engen Straßen und Gassen und kleinen Häusern noch heute unschwer als ehemalige Arbeitersiedlung zu erkennen. Auf nur gut einem Hektar drängen sich in dem Geviert zwischen Reihenweg, Wiesenthalstraße, Hochackerstraße und Grüne Lohe an die 60 Häuser auf einem nach Osten zu abfallenden Hang.
Wie im gesamten Stadtgebiet Freisings ist auch hier deutlich der Siedlungsdruck zu spüren. Die wirtschaftliche Situation im prosperierenden Speckgürtel Münchens, verstärkt durch den Großflughafen im Erdinger Moos, spiegelt sich in einem rasanten Anstieg der Immobilienpreise in den letzten 20 Jahren wider. Dennoch ist die ursprüngliche Struktur der Grottenau noch zu einem guten Teil erhalten.
Das Prämonstratenserkloster Neustift wurde im Jahr 1141 vom Freisinger Bischof Otto I. mit Unterstützung der Markgrafen von Österreich gegründet. Im Laufe der folgenden Jahrhunderte haben sich die beim Kloster bediensteten Beamten, Handwerker und Tagelöhner rund um das Kloster ihre Häuser gebaut, vor allem entlang der Alten Poststraße und im kleinen Tal des Baches, der von Norden kommend beim Kloster in die Moosach fließt (heute Wiesenthalstraße).
Die Grundstücke hierfür wurden von der Hofmark Neustift als Grundherr zur Verfügung gestellt, die Siedler hatten in der Regel eine jährliche Pacht, genannt „Stiftsgeld“, zu zahlen. Es existierten auch einige „Freistiftsanwesen“, meist von Klosterbeamten bewohnt.

Eine Häuserbeschreibung der Hofmark Neustift aus dem Jahr 1612 listet ohne Kirche und Klostergebäude 23 Häuser auf. Die Bewohner dieser Häuser waren Mitglieder der Klosterverwaltung wie Hofmarksrichter, Klosterbraumeister, Marstaller (Pferdemeister) oder Klosterbaumeister, vor allem aber Handwerker, deren Dienste das Kloster benötigte. Es gab Schneider, Müller, Sägemüller, Schmiede, Weber, Zimmerer, Bäcker, Schreiner, Lederer, Färber und Schuster.
1671 standen in der Hofmark Neustift bereits 29 Häuser, wie aus einer Steuerbeschreibung des Klosters hervorgeht. Die Bewohner hatten zumeist eine Kuh im Stall, gelegentlich wurden zwei oder drei Schweine gehalten. In sieben dieser Anwesen waren die Bewohner so arm, dass sie kein Vieh halten konnten, in drei Häusern wurden Schafe oder Ziegen gehalten. Daneben nahm bei den Neustiftern die Bienenzucht einen hohen Rang ein, in der Steuerbeschreibung werden 27 Bienenstöcke aufgeführt.
An eigenen Betrieben besaß das Neustifter Kloster unter anderem zwei Mühlen, die Gassenmühle oder Obermühle als Getreidemühle sowie eine Sägemühle. Daneben schon seit dem 12. Jahrhundert eine Brauerei, eine Bäckerei und eine Ziegelei.
Um 1800 gab es in Neustift 59 Anwesen, die alle der Hofmarksherrschaft gehörten. Fast alle waren als „Freistift“ vergeben, die Gegenleistung der Bewohner an das Kloster bestand in Arbeit.
Die Hausnamen der Anwesen, die Mitte des vergangenen Jahrhunderts noch allgemein gebräuchlich waren, verraten die Vielfalt der handwerklichen Tätigkeiten in Neustift. Der ehemalige Freisinger Stadtarchivar Josef Scheuerl führt 1937 unter anderem auf: Gschlößlschuster, Häuslmüller, Hennerbäck, Klosterschneider, Mandlschuster, Naglschuster, Pfarrerbauer, Schelmetzger, Schneiderbauer, Wimmer, Zacherl und Zehnerlschmied.

Die erste urkundliche Erwähnung des Namens Grottenau (auch Krottenau, Kreutenau) datiert Stadtarchivar Scheuerl auf das Jahr 1780. Über die Herkunft dieses Namens ist nichts bekannt. Scheuerl vermutet, dass sich der Name von den vielen Kröten herleitet, die dort wohl früher zu finden waren. Dies scheint allerdings reine Spekulation zu sein, ist doch das althochdeutsche Wort Kröte im Bayerischen nicht gebräuchlich, hier spricht man vom „Broz“ oder „Brotz“.

Das Ende des Klosters durch die Säkularisation 1803 bedeutete für die Bewohner der Grottenau einen großen Umbruch. Die kirchlichen Güter, auch die Klöster, wurden „verweltlicht“, also in den Besitz des kurfürstlichen Bayern überführt. In der Vorbereitungszeit der Aufhebung des Klosters durch die kurbayerischen Behörden starb im August 1802 Castulus Wohlmuth, der letzte Abt des Prämonstratenserklosters, die Wahl eines neuen Abtes wurde im Zuge der Aufhebungspläne verboten. Das offizielle Ende der Abtei wurde am 23. April 1803 verkündet. Damit war nach 661 Jahren das Ende der Abtei besiegelt.

Mit der Auflösung des Klosters brach für die Neustifter die wirtschaftliche Grundlage ihrer Existenz weg, die allermeisten von ihnen hatten ja im oder für das Kloster gearbeitet.

Die Münchner Regierung beschloss noch im selben Jahr, die Klostergebäude als Kaserne zu nutzen und im Kloster zog ein Regiment der Chevauxlegers ein. Fast 100 Jahre lang sollte Neustift Militärstandort bleiben, die meiste Zeit war hier das Königlich Bayerische Feldartillerie-Regiment „Prinzregent Luitpold“ stationiert.

Die ehemalige Hofmark Neustift war ab 1818 eine eigenständige Gemeinde, die allerdings wirtschaftlich kaum überlebensfähig war. Um 1900 beantragte die Gemeinde Neustift aufgrund ihrer desolaten finanziellen Lage, nach Freising eingemeindet zu werden.  Der Freisinger Bürgermeister Stephan Bierner erklärte gegenüber der königlichen Regierung, nur zustimmen zu können, wenn der Staat die alte Neustifter Kaserne auflöse, um hier Industrie ansiedeln zu können, und im Norden Freisings eine neue Kaserne errichte. Nach dem Baubeginn der „Prinz-Arnulf-Kaserne“ (seit den 30er-Jahren Vimy-Kaserne) wurde Neustift schließlich am 1. Januar 1905 nach Freising eingemeindet.

Mit der Gründung der Tuchfabrik Feller brach für Neustift und die Grottenau eine neue und bessere Zeit an, es entstanden viele neue Arbeitsplätze.

Die Familie Feller, ursprünglich aus der Steiermark stammend, widmete sich seit Jahrhunderten der Leinweberei und Tuchmacherei. Die Brüder Carl und Ludwig Feller hatten 1899 in Schwaig bei Erding eine Tuchfabrik gegründet. Die Geschäfte liefen allerdings schleppend. Es mangelte an geeigneten Arbeitskräften und die Anbindung an die Bahn fehlte. Carl Feller beschloss, aus dem Unternehmen auszusteigen und sich mit einer weiteren Fabrik an einem geeigneteren Standort erneut selbstständig zu machen.

Auf seiner Suche stieß Carl Feller Anfang des Jahres 1906 auf eine Immobilienanzeige Freisings, in der die Stadt das ehemalige Kloster Neustift, das seit 1803 als Kaserne genutzt worden war, für 60.000 Mark zum Kauf anbot. Einzige Kaufbedingung: Der Komplex sollte industriell genutzt werden. Im Juni 1906 stimmte das Gemeindekollegium dem Kauf durch Carl Feller zu und der Umbau des Klosters zur Tuchfabrik konnte beginnen.

Das Unternehmen expandierte schnell. 1914 konnte Feller die Ware bereits bis nach Belgien, Luxemburg und in die Niederlande exportieren. Sowohl im Ersten wie auch im Zweiten Weltkrieg stellte die Firma auf Kriegsproduktion um und fertigte vor allem Stoffe für Uniformen.

Nach 1945 gelang Carl Feller, dem Sohn des Firmengründers, ein erfolgreicher Neustart. Die Produktion von Stoffen für die Dienstkleidung der bundesdeutschen Post- und Bahnbeamten kurbelte das Geschäft an. Die folgenden Jahre waren geprägt vom wirtschaftlichen Aufschwung, Die Tuchfabrik exportierte Stoffe nach ganz Europa, nach Südamerika, Aus-tralien und in die USA. Zu Spitzenzeiten standen 300 Arbeitsplätze zur Verfügung.

Die Neustifter arbeiteten gerne „beim Feller“. In der Grottenau berichtet man noch heute von der „sozialen Ader“ des Unternehmers, der von der Stadt wie zuvor schon sein Vater zum Ehrenbürger und Kommerzienrat ernannt wurde. Die Firma errichtete Betriebswohnungen für einige ihrer Arbeiter. Zur Erholung stellte die Familie Feller ihren Mitarbeitern ihre Berghütte an der Kampenwand als kostenloses Ferienhaus zur Verfügung.

In den 70er Jahren erfasste der Niedergang der europäischen Textilindustrie auch Neustift. Im Zuge einer frühen Globalisierung verlagerte sich die Stoffproduktion mehr und mehr in afrikanische und asiatische Länder, in denen die Lohnkosten nur einen Bruchteil der hiesigen betrugen. Im Februar 1974 schloss die Tuchfabrik ihre Pforten. Die Firmengebäude wurden an den Landkreis Freising verkauft. Das alte Klostergebäude wurde saniert, die Fabrikhallen wurden zum größten Teil abgerissen und durch einen Neubau ersetzt.

Der zweitgrößte Arbeitgeber in Neustift war die „Bayerische Aluminium- und Metallwarenfabrik“. Das Werk wurde 1905 durch einen Herrn Eigenbrod gegründet, der in der Reithalle der ehemaligen Garnison eine Produktionsstätte errichtete. Wie die benachbarte Tuchfabrik stellte auch die Aluminiumfabrik in den beiden Weltkriegen auf Kriegsproduktion um und produzierte vor allem Feldflaschen und andere Ausrüstungsgegenstände für die Armee.

1954 wurde die Fabrik von Friedrich Feller übernommen. Die Namensgleichheit mit den Besitzern der Tuchfabrik ist zufällig. Feller kam vom Freisinger Brauereiausrüster Steinecker und stellte die Produktion um. Unter anderem produzierte er für Brauereien Hefewannen aus Aluminium. 1960 verabschiedete sich die Firma aus Neustift und siedelte ans andere Ende Freisings in die Angerstraße um. Beim „Alu-Feller“ waren in Spitzenzeiten an die 25 Arbeiter beschäftigt, besonders für viele Grottenauer Frauen waren dies begehrte Arbeitsplätze.

Es war nicht nur das gemeinsame Arbeiten bei den Neustifter Firmen, das in der Grottenau für das heute noch gerühmte Zusammengehörigkeitsgefühl ihrer Bewohner sorgte. Die im Lauf der Jahrhunderte organisch gewachsene Siedlung verfügte über eine gute Infrastruktur. Alles, was zum täglichen Leben notwendig war, stand „vor Ort“ zur Verfügung. So gab es zwei Bäckereien, den Bäcker Maier in der Wiesenthalstraße und den „Himmelstoß-Bäcker“ schräg gegenüber. Es gab den Kramerladen Riedl an der Hecknerstraße. Nach ihm hieß der dortige Berg „Riedl-Berg“, in den Wintern war er ein Schlittenparadies für die Grottenauer Kinder. Am Riedl-Berg stand im 19. Jahrhundert eine kleine Ziegelei, dort wohnte der „Ziegler“. Bekannt war auch der Kartoffelhändler Jell.

Und es existierten vier Wirtschaften für die Grottenauer, alle innerhalb einer Distanz von 130 Metern gelegen. An der Straßenecke zwischen Wiesenthalstraße und Altenhauser Straße befand sich seit 1860 der „Untere Urbankeller“ (heute Wiesenthalstraße 6). Um 1860 ließ der ehemalige Freisinger Hagenbräuer Michael Urban an der westlichen Seite des Berges einen Bierkeller erbauen, neben dem er einige Jahre später auch ein Kellergebäude errichtete. 1864 rühmt ihn das Freisinger Wochenblatt für sein ausgezeichnetes Bockbier. 1882 baute Urban seine Kellerschenke aus und errichtete auch eine Kegelbahn. Das Anwesen wird bis heute als Gaststätte genutzt.

Ein paar Meter weiter stand die Gaststätte „Wiesental“ (heute Wiesenthalstraße 14). Der Wirt Michael Pointner betrieb das Lokal seit 1871, ausgeschenkt wurden Biere des Hofbrauhauses Freising. 1898 wurde das Anwesen von der Freisinger Aktienbrauerei gekauft und eine neue Kegelbahn wurde eröffnet. 1920 erwarb Leonhard Kerscher die Wirtschaft, er betrieb den „Kerscherwirt“ bis nach 1955.

Der „Bergwirt“ (heute Wiesenthalstraße 31) wurde 1870 von Josef Eisgruber eröffnet. Die verschiedenen Wirte waren immer bestrebt, ihren Gästen besondere Attraktionen zu bieten. Dort fanden verschiedene Konzerte statt, eine Kegelbahn war eingerichtet, es gab „Gansstechen“,  „Sackhupfen“ und Hunderennen. Auch mindestens zwei „Altmänner-Wettläufe“wurden veranstaltet, die Teilnahme von unter 60jährigen war dabei verboten.  Bis heute wird im Bergwirt eine Gastronomie betrieben. Die Familie Lagani führt dort seit 1988 das italienische Restaurant „La Fattoria“.

Wenige Meter die Hecknerstraße hinauf befand sich von 1873 bis 1891 eine weitere Wirtschaft mit dem Namen „Zum Großen Wirt“ (heute Grottenau 64). Der Wirt Simon Priller braute nicht selbst, sondern schenkte Hofbräuhausbier aus. Nach einem Besitzerwechsel 1882 wurde das Anwesen 1891 versteigert und nicht weiter als Gaststätte benutzt.

Die Bewohner der Grottenau konnten nahezu alles, was sie zum Leben brauchten, entweder im Viertel kaufen oder selbst erzeugen. Viele hatten eine Kuh oder ein Schwein im Stall, es wurden Hühner, Enten, Gänse und Hasen gehalten. Ihre Arbeitsplätze waren in aller Regel fußläufig zu erreichen. Dies waren die Gründe für den großen Zusammenhalt untereinander, es entwickelte sich eine eigene Grottenauer Identität. Insbesondere die Abgrenzung zu den „Stodterern“ im benachbarten Freising war stets bemerkbar. Diese galten hier als hochnäsig und arrogant. Im Gegenzug bezeichneten die Freisinger das Viertel als „Gripsenau“, abgeleitet von „gripsen“ in der Bedeutung von klauen, stibitzen. Noch bis in die 70er Jahre des vergangenen Jahrhunderts gab es regelmäßig Raufereien zwischen den Burschen Freisings und der Grottenau.

In den letzten dreißig Jahren hat die Grottenau ihr Gesicht merklich verändert. Einige der alten Arbeiterhäuschen sind mittlerweile weggerissen und durch größere und höhere Neubauten ersetzt worden. Geht die bauliche Entwicklung in Neustift so weiter, wird das Viertel in weiteren dreißig Jahren nur noch in der Erinnerung der alten Grottenauer weiter existieren. Hier steht die Stadt Freising als Planungsbehörde in der Pflicht, dieses einzigartige Stadtviertel weitestgehend zu erhalten. Die nötigen planerischen Instrumente dazu sind vorhanden. Freising könnte die Grottenau ebenso wie ihre gesamte Altstadt unter Ensembleschutz stellen oder eine Veränderungssperre erlassen.

Denkbar wäre auch eine Erhaltungssatzung für die Grottenau. Bei Erhaltungssatzungen handelt es sich um sogenannte „Milieuschutzsatzungen“. Bestimmte bauliche Vorhaben und Nutzungsänderungen sowie die Umwandlung von Haus- in Wohnungseigentum stehen hier unter einem zusätzlichen Genehmigungsvorbehalt. Damit soll nicht nur die bauliche Struktur, sondern auch die Zusammensetzung der Wohnbevölkerung erhalten werden. Freising hat dieses Planungsinstrument bisher noch nicht angewandt, in München sind derartige Satzungen gang und gäbe. In der Landeshauptstadt gibt es insgesamt 29 Erhaltungssatzungsgebiete, in denen 307 000 Einwohner leben.

Es bleibt zu wünschen, dass die Grottenau mit ihrer typischen Struktur und faszinierenden Geschichte wieder mehr ins Bewusstsein der Freisingerinnen und Freisinger rückt und damit die Chancen steigen, dieses Viertel erhalten zu können.

Quellen:
Josef Scheuerl: „Die Geschichte Neustifts“, 1937. Karl Mayer: „Kloster und Hofmark Neustift“, 1992. Günther-Franz Lehrmann: „Neustift in Freising“, 1992.
www.bayern-loden.de,  „Vom Leinenweber zum Tuchfabrikanten“.

Mein besonderer Dank geht an: Walter Albrecht, Hermann Bienen, Erwin Kaiser, Herbert Loos, Hans Lorenzer, Angelika Lugert-Gscheider, Georg Meier und Sepp Thalhammer.

 

Dieser Artikel erschien im FINK-Magazin vom März 2021.
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