Ein Dorf rettet sein Wirtshaus
Der Metzgerwirt zu Giggenhausen - Ein Erfolgsmodell und Vorzeigeprojekt

Bayern – das ist Tradition, das ist Gemütlichkeit, das ist Zusammenhalt, das ist Bierkultur. Das klingt alles ziemlich klischeehaft. Doch in Giggenhausen beweist man gerade, dass diese Vorstellung vom Leben im weiß-blauen Freistaat kein Klischee sein muss, sondern gelebt wird. Ein ganzes Dorf macht mobil, um die Dorfwirtschaft und damit das Dorfleben zu retten. Und was zu Beginn von manch einem wohl skeptisch gesehen wurde, ist nun auf dem besten Weg, eine Erfolgsgeschichte und ein Vorzeigeprojekt für ganz Bayern zu werden.

Der Metzgerwirt ist seit mindestens 150 Jahren fester Bestandteil des Ortes. Jetzt will ihn Inhaberin und Wirtin Elisabeth Kratzer verkaufen. Ihr selbst und der Dorfgemeinschaft ist dabei eines wichtig: Den Wirt als lebendiges Dorfzentrum zu erhalten. Und deshalb hat sich das „Team Dorfwirtschaft“ gebildet, tüftelt und überlegt seit Monaten, wie man das Ortszentrum retten kann. Denn: Eine Million Euro muss man dafür an Eigenkapital aufbringen, um das Projekt als Genossenschaft erfolgreich durchführen zu können.

In einer ersten Runde hat man Absichtserklärungen eingeholt. Das Ergebnis? „Überwältigend“ – so hat das Team Dorfwirtschaft in Giggenhausen das bezeichnet, was man da an Resonanz und Unterstützung zur Rettung der Dorfwirtschaft Metzgerwirt erhalten hat: 225 Absichtserklärungen, sich an der geplanten Genossenschaft zu beteiligen, hat man bekommen, dabei die bemerkenswerte Summe von 751 030 Euro zusammengebracht. Jetzt wird die Frist zur Abgabe von Absichtserklärungen bis zum 27. Juni verlängert. Man ist guter Hoffnung und voller Optimismus, die erforderliche Million zusammenzubekommen. Aus dem „verzweifelten Versuch“, die Dorfwirtschaft zu retten, wie manche das Unternehmen nannten, ist nun also ein Projekt geworden, das gute Chance auf Erfolg hat. „Wir sind auf dem richtigen Weg!“ steht über einem Brief an die Giggenhausener Bürger, der nach der Auswertung der ersten Absichtserklärungen als Postwurfsendung verteilt wurde. Der größte Teil der Zusagen stammte bisher von Giggenhausener Bürgern, aber auch über Zusagen aus über 20 anderen Ortschaften konnte man sich freuen. Die erste Bilanz: „Unser Aufruf zum Mut und zur Zukunft hat bisher zu einem großartigen Ergebnis geführt.“ Das Projekt, so freut man sich, finde breiten Rückhalt – und das sei eine wichtige Voraussetzung für die Realisierung der Genossenschaftsidee. Ebenfalls wichtig: Die Zustimmung und Unterstützung für das Projekt „Rettung der Dorfwirtschaft“ ziehe sich durch alle Generationen, vor allem auch junge Familien seien sehr interessiert.

Eine Genossenschaft soll es also richten, deren Zweck nicht nur der Erhalt der Gaststätte als kulturelles und soziales Dorfzentrum, sondern auch des gesellschaftlichen Lebens in Giggenhausen ist. Denn für neun Vereine ist der Metzgerwirt heute Treffpunkt und Heimat. Man will ein Dorfzentrum haben, das auch als Ausflugsort dient, ein Platz, „an dem das Dorf lebt“. Damit das so bleibt, arbeitet ein vielköpfiges Team bereits seit längerem an den Plänen, die Wirtschaft von der derzeitigen Besitzerin und Wirtin Elisabeth Kratzer zu erwerben.

Dabei betonen die Initiatoren der Aktion, dass solche Genossenschaftsanteile „als eine langfristige Investition für die Lebensqualität in Giggenhausen, den Zusammenhalt der Bevölkerung und nicht zuletzt für den Erhalt unseres reichhaltigen Vereinslebens zu verstehen sind“. Das Wirtshausgebäude stehe als Gegenwert für diese Einlagen, sogenanntes „Betongold“ habe in der Vergangenheit stets seinen Wert steigern können. Freilich: Die Rendite werde zunächst der ideelle Wert sein, den das Wirtshaus mit seinem Kultur- und Vereinsleben darstelle. Und: Kinder und Enkel würden dereinst den „finanziellen Kraftakt“ zu schätzen wissen, wenn auch sie sich noch im Wirtshaus treffen können, um zu essen, zu trinken, zu feiern, den Schießsport auszuüben, zu singen, Theater zu spielen und überhaupt ein lebendiges Dorfleben genießen zu können.

Die Macher und Initiatoren sprechen von einem „Herzensprojekt“, das im Landkreis Freising und darüber hinaus seinesgleichen suche. Und sie wissen: Eine weitere Chance, „unser Wirtshaus zu retten“, werde es nicht geben. Das Motto ist also klar: „Jetzt oder nie!“ Und weil 750 000 Euro ein wirklich starkes und Hoffnung machendes Signal sind, hat man die Frist zur Abgabe der Absichtserklärungen bis zum 27. Juni verlängert. Ob man da schon die erforderliche Million zusammenbekommen hat oder vielleicht noch eine Runde drehen muss, stand bis FINK-Redaktionsschluss nicht fest. Doch wie betonen die Frauen und Männer vom Team Dorfwirtschaft immer wieder: „Wir sind auf dem richtigen Weg!“

Weitere Informationen auf der Homepage www.giggenhausen.de.

Ein Dorf will seine Wirtschaft retten. Schafft ihr das? Wir bekommen von allen Seiten Unterstützung, sei es durch ehrenamtliche Mitarbeit aus diversen Fachbereichen (Gastronomie, Steuerberatung, Bauingenieur, usw.) oder die zahlreichen Absichtserklärungen aus der Bevölkerung in und um Giggenhausen. Daher sind wir sehr positiv gestimmt, das Projekt umzusetzen. Das Thema wird sehr breit befürwortet, trifft die Herzen der Menschen, denen der Erhalt des bayerischen Brauchtums und der Fortbestand eines ländlichen Dorflebens wichtig ist. Mit diesem Rückenwind wollen wir das rocken!

Was zeichnet die Giggenhausener aus? Was lässt vermuten, dass die Dorfgemeinschaft das Projekt tatsächlich stemmen kann? Ein großer Zusammenhalt in der Bevölkerung und das Bewusstsein, diese einmalige Chance zu ergreifen, um diesen Ort der Gemeinschaft nicht zu verlieren. Unsere Offenheit und Willkommenskultur lässt es zu, Partner zu finden und diese ins Projekt miteinzubinden. Das Geld der zukünftigen Mitglieder ist keine Spende, sondern eine wertstabile Beteiligung!

Gab es Vorbilder für euer Vorgehen? Es gibt mehrere Gasthäuser, die heute von Genossenschaften betrieben / verpachtet werden. Wir haben sehr viel Informationen und Unterstützung von der Genossenschaft „Ein Dorf wird Wirt“ Objektgenossenschaft Altenau eG bekommen, und anderen. Allerdings ist unser Projekt nicht ganz vergleichbar, da wir ein intaktes Gebäude mit wenig Renovierungsaufwand übernehmen können, dafür aber eine hohe Summe an Eigenkapital zusammentragen müssen. In dieser Hinsicht ist Giggenhausen sicher auch eine Art Pilotprojekt, das von breiter Unterstützung getragen werden muss, gerade auch im Hinblick auf die Fehlentwicklung im ländlichen Raum. Die Menschen brauchen Begegnungsstätten, wo generationenübergreifender Dialog und Austausch stattfinden kann. Unsere Wachstumsregion muss sehr viel Integrationsarbeit stemmen. Wenn Identität und Brauchtum erhalten werden soll, funktioniert das nur in einer Bayerischen Dorfwirtschaft, die die Menschen zusammenbringt.

Wirtshauskultur hat in Bayern einen hohen Stellenwert. Seht ihr das Vorhaben auch als Bewahrung der Tradition? Wir möchten für uns aber vor allem den kommenden Generationen die Möglichkeit erhalten sich zu regelmäßigen Stammtischen zu treffen, im Wirtshaus zu musizieren, Theater zu spielen, dem Schießsport nachzugehen oder einfach Feste wie Weihnachtsfeiern, Sommerfeste, Hochzeiten und Geburtstage zu feiern.

Die Suche nach einem Pächter scheint ebenfalls positiv zu verlaufen? In welche Richtung soll das Angebot gehen? Sicher doch auch bayerisch? Wir wünschen uns ein Bayrisches Wirtshaus mit moderner Führung. Alle Generationen sollen sich wie bisher darin heimisch und wohl fühlen. Wir wurden positiv von den vielen Anfragen auf unsere Pächtersuche überrascht, diese liegt aktuell schon über ein halbes Jahr zurück. Durch die positive finanzielle Unterstützung in Form der Absichtserklärungen rückt die Gründung der Genossenschaft in greifbare Nähe. Auch die Corona Lockerungen und Aussichten in den nächsten Monaten werden zu Bewegungen im Pächterkarussel führen. Momentan befinden wir uns in Gesprächen. Gerne prüfen wir weitere Pächteranfragen und deren Vorstellungen (Nutzungskonzepte) für ein bayrisches Wirtshaus.

In Giggenhausen gibt es – gemessen an der Einwohnerzahl – viele Vereine. Aber davon allein wird der Pächter nicht leben können. Gibt es schon Vorstellungen zum Nutzungskonzept? Hier bietet die Immobilie viele Nutzungsmöglichkeiten, diese reichen vom Hotelbetrieb, über den Ausbau der Gastronomie im Außenbereich, sowie die Nutzung des großen Saals für diverse Events. Im Endeffekt muss mit dem Pächter ein Konzept erarbeitet werden, das für ihn sinnvoll ist und Platz für das Vereins- und Dorfleben bietet. Durch die gute Auslastung der Gästezimmer mit 30 Betten, der ansprechend gestalteten Gaststube mit Pergola und im Sommer den Wirtsgarten, ist ein gesichertes Aus- und Einkommen für einen tüchtigen Pächter gewährleistet. Der große Saal kann für Hochzeiten, Familienfeiern, Firmenfeiern, Vereinsfeiern, Versammlungen und Tagungen genutzt und vermarktet werden. Das rege Vereinsleben und die diversen Stammtische, die auch von vielen Menschen aus den umliegenden Dörfern genutzt und gepflegt werden, garantieren eine täglich be- und gelebte Wirtshauskultur. Darüber hinaus liegt der Metzgerwirt an einer gut befahrenen Staatsstraße und bietet sich als Pausenstopp für Radfahrer und Motorisierte an. Ein gut geführtes Wirtshaus wird immer sein Auskommen haben. Giggenhausen hat mit der geplanten Genossenschaftsgründung jetzt schon bewiesen, dass es seinen Wirt leben lässt.

Wird es auch Kulturveranstaltungen geben? Wie bisher sollen Kulturveranstaltungen der ansässigen Vereine (Gesangsverein, Theatergruppe, etc.) angeboten werden. Wir sind hier offen für kulturelle Veranstaltungen von anderen Gruppen, dazu muss aber erst ein gemeinsames Konzept mit dem neuen Pächter erstellt werden. Tatsächlich wird schon, über die sehr gut besuchten Theaterveranstaltungen des hiesigen Maibaumfreunde-Vereins hinaus, an einem Kulturprogramm getüftelt. Die Giggenhauser Feste geben immer Raum und Stimmung für Kleinkunst und Kabarett. Wir haben ein nächstes Ziel!

Dieser Artikel erschien im FINK-Magazin vom Juli/August 2021.
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