Film ab! Das Warten hat ein Ende.
Freising ist wieder Kino-Stadt – CineradoPlex hat eröffnet

Erst war es Trauer, dann Hoffnung, es folgten Optimismus, bald aber Spott und Häme, gepaart mit Frust. Jetzt hat das Wechselbad der Gefühle, das die Freisinger und die Kinofans seit acht Jahren durchleben, einen neuen Aspekt bekommen: Freude. Denn das Freisinger Kino in den neuen Schlüterhallen hat endlich geöffnet. CineradoPlex aus Pfaffenhofen macht dem Darben und Warten auf Blockbuster in Freising ein Ende.

Seit fünf Jahren war an den neuen Schlüterhallen von Investor Josef Saller ein großes Schild zu lesen: „Coming soon“. Was als Versprechen gedacht war, wurde mehr und mehr zum Hohn. Denn eigentlich sollten im Frühjahr des Jahres 2018 die ersten Filme über die Leinwände flimmern. Doch es kam immer wieder zu Verzögerungen. Die Hiobsbotschaft des Investors erreichte Freising dann Ende 2019: Der ursprüngliche Betreiber Cinestar war abgesprungen. Die Enttäuschung war groß, Josef Saller jun. kam nach Freising, um gemeinsam mit der Presse die Baustelle zu besichtigen. Die bot ein Bild, das von einer Fertigstellung noch weit entfernt war. Doch Saller betonte, man werde das Versprechen halten und den Vertrag erfüllen, gemäß dem ein Kino zu errichten sei. Danach herrschte allerdings wieder Funkstille, das endlose Warten ging weiter. Doch im Hintergrund liefen die Verhandlungen, die jetzt schließlich doch zum Erfolg geführt haben: Peter und Andreas Schafft, die Betreiber des CineradoPlex in Pfaffenhofen, streckten die Fühler nach Freising aus, traten die Nachfolge des Cinestar-Projekts an und haben den Kino-Komplex in den vergangenen 18 Monaten nach ihren Vorstellungen ausgebaut: Die Grundstruktur von Cinestar habe man zwar übernommen, berichtet Peter Schafft, doch durch das eigene Design, das eigene Interieur und ihre Ideen wurde daraus jetzt ein CineradoPlex-Projekt. Herausgekommen ist ein kleines, feines Multiplex-Kino mit fünf Sälen, die 559 Kinobesuchern Platz bieten. Der größte Saal hat 169 Plätze. Das Konzept beinhaltet nicht die üblichen Sessel großer Kinoketten, die eine möglichst große Besucheranzahl aufnehmen sollen, sondern bequeme Sitze mit viel Beinfreiheit und viel Komfort. Dolby Atmos Sound soll auch akustisch für ein besonderes Kino-Erlebnis mit Dolby Surround sorgen.

Peter und Andreas Schafft sind, und das macht große Hoffnung, dass sich das Kino in Freising etablieren wird, keine heurigen Hasen im Geschäft. Beide leiten seit November 2019 das Familienunternehmen, das die Eltern vor 37 Jahren mit einem bescheidenen Kino in Pfaffenhofen gestartet haben. Im Jahr 2005 kam dann der große Wurf: Die Schaffts eröffneten in Pfaffenhofen das CineradoPlex mit acht Sälen und knapp 1000 Sitzen.

Jetzt setzen sie also – nach acht Jahren Unterbrechung – die Kino-Tradition in Freising fort. Eine Tradition, die im Jahr 1912 begonnen und bis zur Schließung des Camera Ende 2013 untrennbar mit der Familie Fläxl verbunden war.

Begonnen hat alles mit Georg Fläxl: Nach einem Kinobesuch in München hatte er die Idee, so etwas auch in Freising anzubieten. Und so baute der Schneidermeister Fläxl in der Bahnhofstraße neben dem Gasthof Zur Gred das Stadt-Kino. Es war bereits das zweite Kino in Freising: In der Unteren Hauptstraße hatte ein Jahr zuvor das Zentralkino seine Pforten geöffnet. Die Kinos damals sahen natürlich ganz anders aus als heute. Sie bestanden nur aus einem Saal. Stichwort: Klappsitze. Die Filme, die im Anfangsjahr 1912 liefen, hießen „Arme Prinzessin“ oder „Der Todesring“, Schwarz-Weiß-Streifen ohne Ton, die nur rund zehn bis 20 Minuten dauerten. Die Filme wurden den ganzen Abend in einer Dauerschleife gezeigt, weshalb vor der Tür des Kinos auf einem Schild auch zu lesen war: „Kein Warten auf Anfang, jederzeit Zutritt“. 60 Pfennig hat der Eintritt damals gekostet. Die Faszination hielt an: Kinobesuche blieben beliebt, die Technik entwickelte sich rasant weiter, die Filme wurden länger, langsam aber sicher abendfüllend. In den 1930er Jahren und auch während des Zweiten Weltkriegs war die Zahl der Kinobesucher hoch. Was auch politisch gewollt war: Denn nicht nur durch die Wochenschau, die vor den Filmen gezeigt wurde, sondern auch mit den Streifen jener Zeit selbst betrieben die Nazis ihre Propaganda. 1944 wurde sogar noch ein weiteres Kino gebaut: das Bavaria Kino, das die Amerikaner nach dem Zweiten Weltkrieg beschlagnahmten. Das Bavaria-Kino blieb in amerikanischer Hand, das Stadt-Kino wurde weiterbetrieben. 1952 kam dann das Kino im Colosseum dazu, jener legendären Einkaufspassage mit großem Tanzsaal und eben auch einem Kino. Dieses Kino baute dann schon die nächste Generation: Therese und Paul senior. Parallel dazu versuchten die Fläxls, das Bavaria Kino wieder zurückzubekommen. Sogar an Präsident Eisenhower schrieb die Familie und bekam auch Antwort aus dem Weißen Haus. Ihr Kino werde bald zurückgegeben. 1955 waren dann die Versuche erfolgreich, das Bavaria ging als eines der letzten beschlagnahmten Kinos in ganz Deutschland zurück an die Familie. Die Amerikaner gaben es frei, nahmen aber die komplette Inneneinrichtung und Technik mit in die Kaserne für ihr Truppenkino. Übrig blieben nur ein paar Popcornbrösel. Ende der 1950er erlebte das Kino in Freising seine beste Zeit. Es gab so viele Kinos wie später nie wieder: Die drei Kinosäle der Fläxls mit dem Stadt Kino, dem Bavaria und dem Kino im Colosseum, dazu existierte weiter das Zentralkino, der Asamsaal wurde ebenfalls als Kino genutzt und war der größte Saal in der Domstadt. Dazu gab es noch Kinosäle in Neustift und Lerchenfeld. Die Kinos teilten die Filme unter sich auf: Familienstreifen und Heimatfilme liefen im Bavaria, anspruchsvollere Abenteuerfilme liefen im Colosseum, weniger anspruchsvolle im Stadt-Kino und die „lustbetonteren Filme“ im Zentralkino.

Ende der 1950er und Anfang der 1960er passierte etwas, das der Kinozunft in den folgenden Jahren immer wieder passieren sollte: Durch technische Errungenschaften gingen ihnen Kunden verloren. Damals war es der Fernseher, der langsam aber sicher massentauglich wurde. Für den Kinostandort Freising folgte in der Tat eine schwierige Zeit: Die Säle in Neustift und Lerchenfeld schlossen, 1969 wurde das Collosseum inklusive Kino, später das Zentralkino abgerissen, und auch im Asamtheater wurde der Kinobetrieb eingestellt. Das Zentralkino eröffnete neu in der Oberen Hauptstraße im Stieglbräusaal. Der Betreiber wollte dann aber nicht mehr weitermachen und übergab das Kino an die Fläxls. Seit 1974 war es die Heimat des Camera Kinos.

Die Fläxls reagierten Ende der 70er bzw. Anfang der 80er Jahre auf die gesunkenen Besucherzahlen. Statt wenige große sollten es mehrere kleine Säle richten. Das große Bavariakino wurde 1977 in Bavaria und Studio B geteilt, aus dem Camera wurden drei Säle. Das Stadt-Kino, das aus einem großem Saal bestand und in die Jahre gekommen war, rentierte sich allerdings nicht mehr und wurde aufgegeben. 1986 kam mit dem Classic in der Oberen Hauptstraße ein weiterer Saal dazu. In diesem Raum probierten die Fläxls etwas aus: bequeme, feste Sitzplätze, doppelte Armlehnen und ansteigende Stufen.

Ende der 80er die nächste Dimension: Multiplex. 2008 wurde das Multiplex in Neufahrn eröffnet, nachdem es nicht gelang, das geplante Kino bei Freising zu realisieren. Gleichzeitig wurden das Bavaria Kino geschlossen und die Säle an der Oberen Hauptstraße modernisiert.

Lange Zeit moderte das Gebäude an der Oberen Hauptstraße vor sich hin, bis es im Jahr 2015 abgerissen wurde. Eine Kino-lose Stadt war Freising da schon seit fast zwei Jahren. Denn Ende 2013 wurden auch die Kinos an der Stieglbräugasse – also das „Camera“ – geschlossen. Denn das machte hohe Verluste, der Mietvertrag lief Ende 2013 aus, das Haus wurde durch einen Neubau mit Wohnungen ersetzt. Sitzblockaden und andere kleinere Protestaktionen konnten das nicht verhindern.

Doch damals gab es ein Trostpflaster: Für 2013 war der Baubeginn für die Erweiterung der Schlüterhallen anvisiert, wo Josef Saller eben auch ein neues Kino für Freising einrichten wollte und sollte. Doch schon der Baubeginn verzögerte sich immer wieder – bis irgendwann das verheißungsvolle Schild „Coming soon“ aufgehängt wurde. Bis aus „Coming soon“ ein „Coming now“ wurde, sollten noch einige Jahre ins Land ziehen. Aber diese Geschichte haben wir am Anfang erzählt. Ende gut, alles gut. Happy End.

Dieser Artikel erschien im FINK-Magazin vom September 2021.
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