Freisinger Gespräche: “Wir wollen mehr zusammenarbeiten“

Eine neue Serie: Unter dem Motto „Freisinger Gespräche“ lädt der FINK in den kommenden Ausgaben zum Interview. Freisinger aus ganz unterschiedlichen Bereichen, bekannte oder auch eher unbekannte Menschen. Den Auftakt macht der Lerchenfelder Pfarrer und neuer Freisinger Dekan Axel Windecker.
Wir sprachen mit ihm über den Zustand der katholischen Kirche in der Domstadt, über die dritte Startbahn und über Weihnachten.

Herr Windecker, die Vorweihnachtszeit läuft auf Hochtouren, seit Monaten gibt es schon Lebkuchen und Adventskalender, viele haben in diesen Wochen vor allem damit zu tun, Geschenke zu kaufen…
Für mich ist das nicht mehr so, wie es sein sollte. Durch den Konsum verschiebt sich alles immer mehr nach vorne. Und wenn die Adventszeit dann wirklich kommt, haben viele Leute keine Lust mehr. In der Gesellschaft wird dieser Sofortkonsum immer mehr. Das ist ja teilweise auch verständlich. Viele haben Angst, dass ihr Geld morgen nicht mehr so viel wert ist wie heute. Aber dadurch geht der Wert des Wartens verloren. Es wäre schön, wenn es wieder anders wäre.

Wie genau?
Also für mich als Kind war das die Zeit des Wartens auf das Christkind. Eine Zeit, die durch Langsamkeit geprägt war. Die Adventszeit bietet eine Auszeit, die Möglichkeit, sich bewusst Zeit zu nehmen. Auf das zu besinnen, was sonst im Alltag untergeht. Entschleunigung, wie man so sagt.

Der Heilige Abend ist ja inzwischen für viele der einzige Tag, an dem man in die Kirche geht.
Die Jahreshauptversammlung der Kirchensteuerzahler (lacht).

Was auch daran liegt, dass die Kirche in den letzten Jahren mit negativen Geschichten Schlagzeilen machte, zahlreiche Missbrauchsfälle kamen ans Licht. Die Kirchenaustritte nahmen deutlich zu. Wie haben Sie das erlebt?
Das ist wirklich problematisch und noch nicht durchgestanden. Ich denke, in unserer Pfarrei differenzieren die Menschen schon und sehen, dass es überall – nicht nur in der Kirche – Leute gibt, die sich völlig daneben benehmen. Das ist eine Sauerei, für die mir jegliches Verständnis fehlt. Es ist aber auch eine Sache, die meine tägliche Arbeit beeinträchtigt. Wenn ich mit Kindern zu tun habe, achte ich noch mehr darauf, dass keine Missverständnisse entstehen. Dass ich nicht allein mit einem Kind in einem Raum bin. Auch bei der Beichte vermeide ich Dinge, wie die Handauflegung. Das ist schon kritisch für meine Arbeit, aber ich merke, dass mir die Menschen hier Vertrauen entgegen bringen.

Es gibt zur Zeit ja viele Diskussionen, viele Wünsche auch, Dinge in der Kirche zu verändern. Wie verfolgen Sie das?
Durch das Zukunftsforum tut sich in unserem Bistum derzeit eine ganze Menge. Weltkirchlich ist die Diskussion um die viri probati, die erprobten Männern (verheiratete Männer, die wegen ihrer vorbildlichen Lebensweise im Sinne der katholischen Kirche derzeit zu Diakonen geweiht werden können. Diskutiert wird, ob sie auch zum Priester geweiht werden sollen, Anm. d. Red.) derzeit wohl am weitesten. Aber ob ich das noch erlebe oder nicht, weiß ich nicht. Für mich persönlich spielt die Frage, den Zölibat abzuschaffen, keine große Rolle.

Warum?
Ich kann mir nicht vorstellen, diesen Beruf mit Familie auszuüben. Ich arbeite ja komplett antizyklisch! Wenn andere frei haben, arbeite ich. Es gibt auch kaum einen Abend ohne Termine.

Das geht manchen Familien aber auch nicht anders.
Und das funktioniert dann oft auch nicht gut. Bei Ärzten, bei Polizisten, bei allen, die zu familienunfreundlichen Zeiten arbeiten müssen. Das sieht man beispielsweise auch bei den evangelischen Kollegen. Für mich ist es wichtiger, einen engen Freundeskreis zu haben, um auch mal rauszukommen und abzuschalten. Deswegen ist mir auch die Freiwillige Feuerwehr so wichtig.

Seit kurzem sind sie neuer Freisinger Dekan. Wie ist die Lage der Kirche hier vor Ort?
Die Kirchenaustritte hat man hier vor Ort sicher gespürt. Für Lerchenfeld etwa kann man aber sagen, dass sie geringer ausfallen als anderswo in Deutschland. Als große Herausforderung steht derzeit die Errichtung der neuen Pfarrverbände an.

Was ist da konkret geplant?
Zu Pfarrverbänden werden Neustift mit Marzling, Tüntenhausen und Haindlfing sowie St. Georg mit Vötting und Pulling zusammengelegt. Da gibt es aber noch Fragezeichen. Klar ist, dass bei St. Georg früher als geplant etwas passieren muss. Die Pallottiner, die bisher Vötting und Pulling geleitet haben, geben das jetzt schon im Sommer 2012 auf. Allgemein müssen wir da auf den Priestermangel reagieren, den es eben auch hier gibt. Den Mangel gibt es übrigens auch bei den anderen pastoralen Mitarbeitern.

Welche Herausforderungen gibt es noch?
In Freising ist es so, dass einige Pfarrer sehr lange in den Pfarreien waren, diese sehr stark geprägt haben. Freising ist dadurch momentan sehr konservativ geprägt. Ich will nicht sagen, man hat den Anschluss an die Moderne verschlafen. Aber vor allem viele junge Familien tun sich damit schwer, denn die Zeit der „Pfarrherrn“ ist einfach vorbei. Auch wollen wir mehr zusammenarbeiten zwischen den Pfarreien. Es muss sich etwas ändern, damit nicht immer nur die eigene Pfarrei oder eigene Filialkirche gesehen wird. So haben wir ein Konzept erarbeitet, um bei der Firmvorbereitung zusammenzuarbeiten. Und für die Erstkommunionvorbereitung sind wir derzeit dran. Letztes Jahr haben wir zusammen mit der evangelischen Kirche die Broschüre „Da ist Kirche“ herausgebracht, um zu zeigen, was Kirche in Freising alles auf die Beine stellt.

Was hat sich für Sie persönlich verändert, seit Sie Dekan geworden sind?
Im Prinzip war die Grenze schon vorher erreicht, ich habe nicht alles geschafft, was ich schaffen wollte. Jetzt kommen noch mal Termine dazu. Da muss man erst lernen, sich abzugrenzen und – wenn möglich – noch effektiver zu arbeiten.

Was genau sind jetzt Ihre Aufgaben?
Die Seelsorgerrunde zusammenhalten, im Gespräch zu bleiben mit allen Beteiligten, schauen, dass es vor Ort passt. Der Dekan ist auch das Sprachrohr des Bischofs, das Bindeglied zu den Pfarreien. Es kommen auch Repräsentationsaufgaben dazu und natürlich viel Verwaltung. Man muss eben alles so ein bisschen im Überblick behalten.

Ist es auch eine Aufgabe, sich politisch einzumischen?
Das ist eine Gradwanderung, da habe ich gemischte Gefühle. Natürlich habe ich eine klare politische Einstellung. Aber je mehr Stellung ich öffentlich beziehe, desto mehr grenze ich mich von anderen ab. Und da ist dann die Frage: kann ich dann noch Seelsorger für diese Menschen sein? Ein Thema wie die dritte Startbahn ist für mich aber kein reines Politikum. Da geht es um christliche Werte wie Heimat, wie die Schöpfung, die für den Konsum mit Füßen getreten wird. Mir leuchtet es einfach nicht ein, dass der Flughafen eine dritte Startbahn braucht. Und es stellt sich die Frage, ob alles, was machbar ist, tatsächlich realisiert werden sollte.

Zur Person: Axel Windecker

Geboren 1970 in München, aufgewachsen im Landkreis Ebersberg, machte er im Jahr 1990 sein Abitur am Gymnasium in Grafing. Dann ging es für Windecker ins Priesterseminar nach München zum Studium. Im Freijahr vor dem Hauptstudium leistete Windecker seinen Dienst bei der Bundeswehr in Freising und Erding. Nach seiner Priesterweihe im Freisinger Dom war er zunächst drei Jahre Kaplan in Gräfelfing. Anschließend war Windecker zwei Jahre Kaplan in Milbertshofen in der Pfarrei St. Lantpert und gleichzeitig Jugendpfarrer in Freimann. 2005 ging es dann nach Freising in die Pfarrei St. Lantpert. Seit Ende des Jahres ist Axel Windecker Freisinger Dekan. Seit 2006 ist er aktives Mitglied der Freiwilligen Feuerwehr Freising und gleichzeitig Feuerwehrseelsorger für den Landkreis. 




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