Korbinian Aigner: Apple 600
Vom Dorfpfarrer zum documenta-Künstler

Im Internet und in Freising läuft derzeit ein interessantes Online-Projekt über den Apfelpfarrer Korbinian Aigner mit dem Titel „Apple 600. oder wie man dem toten Aigner die documenta 13 erklärt.“ Die Redaktion hat sich mit den Ausstellungsmachern caprificus.org darüber unterhalten.

Hallo Caprificus. Wer oder was seid ihr eigentlich?

Wir sind eine Verwicklungshilfeorganisation, die weltweit tätig ist. Das Team besteht aus Korbinian Goerge, Thomas Goerge und Gerhard Schebler.

Was bitte hat man sich denn unter Verwicklungshilfe vorzustellen?

Wir stecken doch alle in einer riesigen Verwicklung ohne Anfang und Ende. Das finden wir nicht bedrohlich sondern gut! Es ist unsere alltägliche Erfahrung, seit wir auf dieser Welt sind. Trotzdem soll und will man diesen Zustand immer beseitigen. Man muss alles ordnen, abbilden, in Schubladen stecken. Wir dagegen wollen helfen, dass die Verwicklung angenommen wird und dadurch richtig ins Laufen kommt.

Könnt ihr das mal an einem Beispiel erklären?

Nehmen wir gleich mal Korbinian Aigner. Der Mann ist seit 46 Jahren tot. Und trotzdem ist er gerade eine der bekanntesten Persönlichkeiten aus dem Landkreis Freising. Er stellt nämlich auf der documenta 13 aus, der weltweit beachteten Kunstschau in Kassel. Dort werden 402 seiner Apfelbilder präsentiert und er wird offiziell als Künstler geführt. Alle Welt spricht über Korbinian Aigner! Seine Bilder waren auf den Titelseiten der wichtigsten Zeitungen. Was sagt die Schublade? Er war ein einfacher Pfarrer in Hohenbercha, der während des Gottesdienstes seine Zigarre in die Friedhofsmauer gesteckt hat, damit er sie nachher weiterrauchen kann. Die Bilder malte er nur deshalb, weil er ein begeisterter Pomologe, ein Apfelforscher war. Er wollte mit Wasserfarbe auf Schuhkarton das Idealbild einer Apfelsorte festhalten. Seine Bilder sind nicht als Kunstwerke entstanden. Korbinian Aigner ist also nach seinem Tod in eine neue weltweite Verwicklung geraten, gegen die er sich nicht wehren kann, die sich aber auch nicht mehr auflösen lässt.

Spielt Aigner deshalb eine Rolle in eurem Webprojekt, das ihr gerade mit einer Ausstellung im Landratsamt gestartet habt?

Wir wollten schon lange etwas zu Aigner machen. Unter anderem weil er schon zu Lebzeiten in eine andere heftige Verwicklung geraten ist. Er hat sich öfter kritisch zur politischen Lage geäußert und wurde deshalb in das Konzentrationslager Dachau inhaftiert. Dort hat er weiter Äpfel gezüchtet, vor allem Apfel 600, der ursprünglich KZ 3 hieß und heute als Korbiniansapfel bekannt ist. Dann haben wir erfahren, dass er heuer auf der documenta 13 eine Hauptrolle spielt. Das ist natürlich eine komplexe Verwicklung, die uns interessiert hat.

Was macht ihr denn jetzt in eurem Webprojekt?

Wir geben der Verwicklung einen kräftigen Spin. Beim Tischtennis würde man sagen, wir schneiden den Ball an! Wir wickeln die ganze Sache erstmal zurück nach Freising, an die Orte, die mit Aigner verbunden sind. In Hohenbercha zum Beispiel konfrontieren wir heimische Äpfel mit der documenta. Was dadurch passiert, wird 100 Tage lang von einer Webcam aufgezeichnet.

Aha! Und was glaubt ihr, dass sich da tut?

Naja, das ist ja genau die Frage. Wir errichten in dem Apfelbaum eine Art Forschungsstation, mit der wir das untersuchen wollen. Wir wissen ja so gut wie nichts über Äpfel. Wenn sie durch Schadstoffe verändert werden, dann doch sicher auch durch Kunst! Es ist auf jeden Fall so ähnlich wie in der Quantenphysik, bei Schrödingers Katze: Der Blick des Beobachters beeinflusst das Ergebnis des Versuchs!

Geht es also um Parallelwelten?

Es ist wie in Neukölln: Da bezeichnet dieser Begriff eine romantische Vorstellung: „Die Migranten schotten sich in einer anderen Welt ab. Ach, wenn sie sich doch in unsere integrieren würden!“ Der Witz ist: „Unsere Welt“ ist nichts anderes als eine permanente Migration von Bildern. Ständig gehen welche verloren, vermischen sich, klonen sich, fixieren sich. Es ist eine endlose Evolution der Bilder. Und dann gibt es die Idee der Züchtung, die Korbinian Aigner so fasziniert hat. Da will man diese Evolution steuern, ein ideales Bild erschaffen. Das untersuchen wir übrigens an einem Apfelbaum, der auf dem Gelände der TU München-Weihenstephan wächst.

Habt ihr da auch eine Webcam installiert?

Nicht nur dort, auch im KZ Dachau und in einem Labor, wo wir die Zersetzung eines Apfels beobachten. Jetzt wollen wir aber nicht zu viel verraten. Es gibt noch eine Menge anderer Researchprojekte und Features. Schaut es euch einfach an! Entweder im Landratsamt Freising oder im Internet unter www.caprificus.org/apple 600. Das Projekt heißt übrigens „Apple 600. oder wie man dem toten Aigner die documenta 13 erklärt.“

Dann wünschen wir Euch viel Erfolg bei euren Forschungen. Was macht ihr nach den 100 Tagen?

Die Forschungsergebnisse werden in unser nächstes Großprojekt „Bildverluste“ integriert, das nächstes Jahr startet. So viel können wir schon mal verraten: Freising wird wieder mit von der Partie sein!

Zur Ausstellung

Apple 600. oder wie man dem toten Aigner die documenta 13 erklärt.
Internet: rund um die Uhr und weltweit unter www.caprificus.org/apple600
Landratsamt Freising
Landshuter Straße 31 / Altbau
85356 Freising
Öffnungszeiten: ab 25. Juni 100 Tage Montag bis Donnerstag 7.30 – 17.00 Uhr, Freitag 7.30 – 16.00 Uhr

Dieser Artikel erschien im FINK-Magazin vom Juli/August 2012.
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