Rolle vorwärts
Neue Musik von Rescue Annie

Die Freisinger Band Rescue Annie feiert ein Comeback. Zwei Jahre war quasi Sendepause. Man hat Zeit im Keller verbracht, viel experimentiert und ausprobiert. „Wir wollten für uns neue Sounds finden, ohne die alten zu vergessen, und neue Geschichten erzählen. Wir wollten vor allem neue Lieder schreiben“, heißt es in einem Presse-Memo. Aus Fragmenten wurden demzufolge Skizzen, daraus wurden Songs, „die für uns genauso klingen, wie sie im Moment klingen sollen, und Texte, die uns aus der dunklen Seele sprechen,“ heißt es. Wir erinnern uns, Rescue Annie das sind die beiden Brüder Mike Manhart (Gesang, Gitarre und Glockenspiel) und Tom Manhart (Bass). Daneben Stefan Rosinger (Sitar) sowie Christian Kopp (Schlagzeug). Und jetzt das. Die Annie-Crew hat mit den US-Amerikanern Rick Phillips und Spider Monkey von der Band Simeon Soul Charger haben die Manhart-Brüder im Früjahr in einem zum Studio umgebauten Wohnzimmer gejamt was das Zeug hielt. Herausgekommen ist die „Annie Thing“. Eine EP mit fünf sehr inspiriert und ausgeschlafen wirkenden Songs über verpasste Chancen, enttäuschte Liebe und den ganz normalen Wahnsinn. Die Band mach Alternative Rock – wie gehabt, möchte man meinen. Fehlanzeige, zumindest Kenner werden schnell den feinen Unterschied feststellen. Die „Annies“ war immer schon eine Band die aufgeschlossen ist für Einflüsse von außen. Man hat sich gerne einmal bedient bei anderen, sich Sounds und Spielarten von Musikern und Produzenten zu Eigen gemacht. Warum auch nicht. Ihren Charakter hat sich die Band stets erhalten. Und insofern davon profitiert.

Das ist diesmal nicht anders. Die EP von „Rescue“ wirkt in Summe ruhiger und reifer. Die harten Gitarrenbretter von einst sind spielerischen, balladesken und vor allen Dingen auch raffinierteren Arrangements gewichen. Nach wie vor arbeitet die Band mit Synthesizer. Ein spielerisches Moment, das ihr immer schon gut stand, das jetzt aber noch schlüssiger, noch besser zur Geltung kommt. Im Verbund mit durch den Verzerrer verfälschten Stimmen ist eine Art Retro-Sound, psychedelisch angehauchter Rock entstanden, der bisweilen Folk- Elemente aufweist. Insgesamt ein sehr überzeugendes Werk, das Lust auf mehr macht. Teilweise fühlt man sich an Bands wie REM erinnert. Einem launischen Intro, einem Stimmengewirr und Radio-Frequenzen-Wirrwarr mit dem Titel „Annie Thing“ folgt sogleich eines der Paradestücke: „Queen of Sugar Coated Fields“ schreitet rhythmisch forsch voran. Irgendwo zwischen Indie-Rock und Psychedelic-Pop kratzen die Manhart-Brüder hier haarscharf die Kurve. Will heißen: Die alte Raubeinigkeit, sie schlägt fast mit voller Wucht durch. Aber eben nur fast. Und das macht nicht zuletzt den Reiz des Stückes aus. Die EP hat aber noch weitaus mehr zu bieten: düstere Melancholie zum Beispiel. Wie bei „Nobody hates me like you“ oder die flockig über den Kamm gespielte Persiflage eines Sommerhits mit orientalischem Einschlag namens „Wheeping Emma“. Nicht zu vergessen „Turn“, ein Stück das wohl wie kein zweites für die neue leicht lyrische Attitüde der „Annies“ steht.
Übrigens: Die EP ist nur im Internet zu haben. Unter www.rescueannie.bandcamp.com. Fürschlappe fünf Euro ein gutes Geschäft.

Dieser Artikel erschien im FINK-Magazin vom Oktober 2013.
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