Rot und schwarz
Axel Le Rouge jongliert beherzt mit den Genres

Le Rouge, das klingt nach gutem Rotwein, nach Sinnlichkeit und ziemlich französisch, all dies findet sich in den Liedern von Axel Le Rouge wieder, der sich selbst als „Chansonoir‘ bezeichnet. Nun kommt also noch Schwarz mit ins Spiel, Rot und Schwarz, zwei existenzialistische Farben, sinnbildlich für Leben, Liebe und Leidenschaft sowie für das blanke Nichts, die Schwermut und den Tod. All diese Themen finden sich immer wieder in den Stücken des Liedermachers, der allerdings beileibe kein Franzose ist, sondern ein gebürtiges Münchner Kindl der kunterbunten 1970er Jahre.

Seit er denken kann, hat er viel Musik gehört, das war schon immer sein ein und alles, wie er selbst betont. Noch heute reicht die Bandbreite von Klassik über Jazz und Rock bis zu Pop, nur Elektro und Rave sind seine Sache nicht, da bekommt er glatt Kopfweh davon. Folgerichtig meldeten ihn seine Eltern in einer Musikschule an, wo er, wie so viele andere auch, erst mal via Blockflöte das Gespür für das Musikmachen übte. Bereits als Achtjähriger begann er seine klassische Gitarrenausbildung an der Musikschule Garching, danach besuchte er weitere Musikschulen und verschiedene freie Kurse, so wie den bei einem gewissen Willy Astor, der derzeit noch relativ unbekannt war, am Freien Musikzentrum München. All dies neu Erlernte wollte natürlich schnellstens in die Tat umgesetzt werden und so schloss er sich als Jugendlicher einer Heavy Metall Band an, einer Gruppe von ‚Play Station Punkern‘, wie er das heute nennt.

So hatte er schnell das nötige Können, und speziell den Mut und den Willen, parat, um selbst eine Band aus der Taufe zu heben, und was für eine. Mit gerade einmal 16 Lenzen gründete er mit Klassenkumpeln des Werner-Heisenberg-Gymnasiums in Garching das Projekt Schwarz Rot, kurz PSR, eine Punkrockband ohne Wenn und Aber. Der Name beruht auf dem damaligen politischen Interesse von Le Rouge, der als Jugendlicher bevorzugt Schriftsteller wie Bakunin und andere Revolutionäre las. Logisch, dass er die Liedtexte schreibt und auch die Melodien, die dann mit  der Band gemeinsam weiterentwickelt wurden. Er spielt den Bass, ein Freund die Gitarre und das Schlagzeug wurde anfangs per Synthesizer imitiert. PSR, die sich selbst als Fun Punk Band verstehen, können mittlerweile auf eine 30-jährige gemeinsame Geschichte und über 1000 Konzerte zurückschauen und sind nach wie vor im gesamten deutschsprachigen Raum unterwegs.

Wer Axel Le Rouge nur als nachdenklichen Liedermacher, allein mit seiner Gitarre, kennt, kann sich diese Verwandlung kaum vorstellen. Die Diskrepanz ist ebenso groß wie die zwischen dem vitalen Rot und dem melancholischen Schwarz und hat den Charme einer beherzten Jonglage. Und es gleicht wahrlich einem Abenteuer, wie er sich vor 14 Jahren auf sein erstes Konzert im Jugendzentrum Neufahrn mit den ‚Barriques‘ (Fässer) vorbereitete. Er vertraute damals auf den Geist des Rotweins, dass dieser ihn für sein erstes Album inspirieren möge. De facto hatte er nur einen Monat Zeit, um die Texte und Melodien für diesen Auftritt zu schreiben, und eingeübt wollten die Stücke ja auch noch sein. Es hat funktioniert und der Rest des Siegeszuges seiner ‚Weinkellerpoesie‘ ist hierzulande längst Geschichte. Die Barriques gibt es nicht mehr, heute ist er mit ‚Le Rest de Vin‘ unterwegs, genauer mit Joachim Schwarz am Kontrabass, Susi Salomon an der Geige und Thomas E. Schlichenmaier am Banjo und weiteren Seiteninstrumenten. Manchmal interpretiert das kongeniale Quartett aus purer Lust und Laune heraus diverse Schlager wie etwa  ‚Die kleine Kneipe‘ von Peter Alexander als Rausschmeißer zu vorgerückter Stunde am Uferlos Festival.

Vor allem aber konzentrieren sich die vier auf die adäquate Intonierung des Le Rouge’schen Liedgutes, was aber mitnichten ein leichtes Unterfangen ist. Denn der Bandleader schreibt nie Noten nieder, er spielt seine Melodien einfach so oft, bis er sie sich merken kann, und dann, nimmt er selbige zur Archivierung und zur Erinnerung auf Band auf. Seine tiefsinnigen, poetischen Texte allerdings schreibt er konventionell auf, was aber einen gewissen Reifeprozess voraussetzt. Er ist nicht der Typ, der sich im Vorfeld große Gedanken über seinen nächsten Text macht, vielmehr kommen ihm die Ideen ganz spontan aus dem Bauch heraus oder basieren auf Eindrücken, die ihn zum Sinnieren anregen. Zunächst notiert er diese Gedankenfetzen oder Bilder stichpunktartig, später entwickelt er daraus seine Texte, die er im Laufe mehrerer Sitzungen immer weiter verfeinert. Parallel dazu reflektiert er in seiner Poesie aber auch Themen, die ihn schon seit längerem beschäftigen, wie etwa die landläufige Meinung, dass früher alles besser war und die damit einhergehende Verklärung der Vergangenheit. In ‚Das Bellen der Igel‘ singt er ein Lied davon.

Und das kann von einem Auftritt zum nächsten ganz anders klingen. Denn die Konzerte leben von der jeweiligen Stimmung der Musiker und des Publikums und eben deshalb ist jedes Konzert ein Unikat. Das liegt auch mit daran, dass er stets die Interaktion mit dem Publikum sucht und dessen Reaktionen sind nun mal nicht planbar. Letztere fallen freilich umso intensiver aus, je mehr sich die Besucher von den Liedern positiv melancholischen berühren lassen, was in Folge der Rückmeldungen gut funktioniert. Genauso genießt er immer wieder den Austausch mit seinen Musikerkollegen auf der Bühne und nach den Auftritten. Derartige Erlebnisse geben ihm Zufriedenheit, aber nur für den Augenblick, denn er ist sich wohl bewusst, dass er, wenn er sich mit sich selbst zufrieden gibt, nicht mehr weiterentwickeln kann. Und genau dieses persönliche Fortkommen verfolgt er konsequent, mittlerweile mit weniger Wein, wie er versichert. Allerdings hat ihm der persönliche Austausch mit Kollegen und Publikum in den letzten eineinhalb Jahren sehr gefehlt, ganz von der Bildfläche verschwinden wollte er aber keineswegs. Also hat er sich in seinem Weinkeller-Studio in Freising ans Werk gemacht, um einige, teils launige Videos zu produzieren, die auf seiner Homepage unter www.axel-le-rouge.de zu sehen sind. Dort ist es auch möglich, in seine Alben hineinzuhören und diese zu bestellen. Gut, dass es solche Konserven gibt, aber einer wie Axel Le Rouge ist ein typischer Live-Musiker, dessen Präsenz, Habitus und Haltung unabdingbar zu seinen Liedern gehören. So wie es aussieht, ist dieses Erlebnis in Kürze wieder möglich, am 17. Juli nämlich will er auf der Bühne des Schardthof in Essenbach nahe Landshut seinen Neustart feiern. Dabei kommt dann selbstverständlich auch sein Markenzeichen, die schwarze Melone wieder zum Einsatz. In seinem Alltag trägt er eher selten Hut, obwohl er sich unter Architekten bewegt, die bekanntlich gerne Hut tragen, aber eher andere Modelle à la Borsalino. Angesichts der Tatsache, dass er nach seinem Abitur eine Landschafts- und Friedhofsgärtnerlehre in Ismaning absolvierte, läge ein Strohhut nahe. Da er aber anschließend in Weihenstephan Landschaftsarchitektur studierte, ist diese Überlegung obsolet. Mittlerweile ist er seit vielen Jahren als Diplom-Ingenieur in Sachen Bauleitung von Außenanlagen im Einsatz und kooperiert mit diversen Architekturbüros und Landschaftsbaufirmen. Wie so manches in seinem Leben war diese Berufsentscheidung ein Zufall. Ursprünglich wollte er im Umweltschutz tätig sein und passend dazu Landschaftspflege studieren. Seine praktische Ausbildung aber hat ihn mit dem Metier des Landschaftsbaus vertraut gemacht und ihm schon früh zu einer ersten Bauleitung verholfen. Peu à peu ist er immer weiter in das Berufsfeld hineingerutscht, wie er das selbst benennt, was ihn schließlich dazu angeregt hat, das entsprechende Studium obendrauf zu setzen. Eine feste Anstellung hat er jedoch bislang nicht angestrebt. Vielmehr genießt er es, sich als Freiberufler seine Zeit selbst einteilen zu können und so seine Berufung als Musiker weiterverfolgen zu können. Oder auch einfach nur die Möglichkeit zu haben, einen Tag mal genießen zu können, egal ob im Garten oder auf Inlineskates. Auf denen legt er durchaus mal Strecken bis zu 40 Kilometer zurück, dauert sicher deutlich länger als mit dem Auto, ist aber gesund und bringt bestimmt viel Genuss, so wie guter Rotwein oder Weinkellerpoesie. (Foto: Thomas Findeisen)

Dieser Artikel erschien im FINK-Magazin vom Juli/August 2021.
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