Sanierung der Christi-Himmelfahrts-Kirche

Es ist eigentlich ein Montagnachmittag, wie all die anderen auch, an denen sich die Seniorengruppe „Tanz 50+“ der evangelischen Kirche Freising im Gemeindehaus trifft. Ab halb drei kommen an jedem ersten Montag im Monat ein knappes Dutzend Damen zusammen. Sie stellen sich im Kreis auf, nehmen sich an den Händen und folgen im Takt der Musik den Schrittvorgaben der Gruppenleiterin Ilona Dennhöfer. War man bisher unter sich, so gibt es seit Anfang Juli einen ganz besonderen Zuschauer: Seit der Schließung der Christi-Himmelfahrts-Kirche schaut der Herr Jesus Christus persönlich auf den Tanzreigen hinab. Denn an seinem eigentlichen Platz im Altarraum befindet sich jetzt eine Baustelle, auf der mit schwerem Gerät die alte, wellige, mit Rissen durchzogene Bodenplatte herausgestemmt wurde. Wo vorher Holzbänke, Kanzel, Taufbecken und Altar standen, da liegen nun Baustaub, Mörtelsäcke und verrostete Eisenstützen. An einen besinnlichen Raum erinnert momentan nichts mehr. Wandert der Blick nach oben, fällt er auf eine riesige, graue Folie. Dahinter versteckt sich der Grund des ganzen Tohuwabohu, die Schleifer-Orgel. Als einer der letzten in ihrer Art wollte die Kirchenleitung das wertvolle Instrument restaurieren lassen. Neben der Reinigung, der Überholung und dem Austausch einiger Pfeifen zählte auch die Sicherstellung eines gleichbleibenden Raumklimas zu den unumgänglichen Notwendigkeiten für den dauerhaften Erhalt. Also wurde die Heizanlage begutachtet, die sich im Boden des Altarraums befand. Doch anstatt lediglich einige kaputte Rohre vorzufinden, stellten die Experten fest, dass die gesamte Betondecke marode war und sich der Boden bereits deutlich absenkte. Die zahlreichen Wellen und Risse waren damit keine Schönheitsfehler mehr, sondern ein Risiko, das die Statik des gesamten Gebäudes beeinträchtigte. Ziemlich schnell fiel der Entschluss, den Innenbereich der Kirche zu sanieren. Kostenpunkt: 750 000 Euro für die neue Bodenplatte und die Umgestaltung des Innenraums. Dank eigener Rücklagen, eines Zuschusses der Landeskirche und eines innergemeindlichen Darlehens steht bereits ein Teil der Finanzierung. Übrig sind nun noch 300 000 Euro, die über ein weiteres Darlehen sowie über Spenden und Sponsoren gedeckt werden müssen. Eine schwere Aufgabe, der sich die evangelische Gemeinde bereits zweimal in ihrer Geschichte stellen musste.

Im katholischen Hochstift Freising hatten es die Protestanten lange Zeit schwer, Fuß zu fassen. Mit der Säkularisation zu Beginn des 19. Jahrhunderts kamen nach und nach Siedler evangelischen Glaubens in die Region. Es sollte aber noch bis zum 30. Oktober 1848 dauern, bis es den Freisinger Protestanten erlaubt wurde, im Saal des Rathauses ihren ersten eigenen Gottesdienst, gehalten von einem Wanderprediger, zu feiern. Dreizehn Jahre später folgte die Genehmigung für den Bau eines eigenen Gotteshauses. Für dessen Finanzierung setzte sich der erste Vikar der hiesigen Gemeinde, Julius Kelber, mit Leib und Seele ein. Er bereiste ganz Deutschland auf der Suche nach Spendern und Gönnern, sodass am 04. September 1864 die erste evangelische Kirche direkt vor den Toren der Stadt eingeweiht werden konnte. Fünfzig Jahre sollte der Bau stehen. Hochwasserschäden und technische Erneuerungen wie Strom und Heizung forderten regelmäßige Investitionen. Mit dem Bombenangriff vom 18. April 1945 fielen jedoch alle Mühe und Liebe in Schutt und Asche zusammen. Ein beschädigter Turm und die Mauern des Pfarrhauses waren alles, was zurückgeblieben war. Wie bereits beim ersten Bau, war es auch in der Nachkriegszeit dem Engagement der bis dahin auf  6000 Mitglieder angewachsenen Gemeinde zu verdanken, dass bereits 1951 der Grundstein für den Neubau gelegt werden konnte. Weil die Gelder fehlten, musste jedoch vorerst auf die Planung eines Kirchturms verzichtet werden. Am 22. Mai 1954 – dem Christi-Himmelfahrts-Tag – konnte die Christi-Himmelfahrts-Kirche eingeweiht werden. 1959 folgte der Bau des eigenen Gemeindehauses.

Weitere sechzig Jahre später durchleben die evangelische Kirche Freising und ihre Gemeinde erneut schwierige Zeiten. Denn der aufwendigen Kirchensanierung wird voraussichtlich ein Neubau des Gemeindehauses folgen, in dem im Juni das Hochwasser alle Kellerräume geflutet hat. Elektroinstallationen, Heizung und das Inventar der Jugendräume im Untergeschoss wurden komplett zerstört. Mittlerweile zerstört der Schimmel die Wände vom Keller bis zum Dach, sodass über einen kompletten Neubau des Pfarramtes und des Dekanats sowie des Gemeindehauses nachgedacht werden muss. Doch auch diesmal war es die Gemeinschaft der Christen, die in großer Nächstenliebe anpackten und aufräumten, sodass der Betrieb zumindest in den oberen Räumen des Gemeindehauses weitergehen kann. Die Jugend fand eine vorübergehende Herberge im Epiphanias-Zentrum in Lerchenfeld. Für die sonntäglichen Gottesdienste ist die Gemeinde derzeit Gast in der Pallotti-Kirche. Bereits seit vielen Jahren arbeitet die Leitung der evangelischen und der katholischen Kirche freundschaftlich zusammen. Und was zu Beginn der Geschichte für undenkbar gehalten worden wäre, macht die Ökumene in Freising heute möglich: Am Reformationstag, ein wichtiger Feiertag der evangelischen Christen, an welchem an die Reformierung der Kirche durch Martin Luther gedacht wird, standen der Gemeinde die Türen der St. Georgs Kirche für einen Gottesdienst offen.

Um die diesjährige Christvesper nicht im Dunkeln auf einer Baustelle abhalten zu müssen, haben die Protestanten durch Domrektor Monsignore Rainer Boeck die persönliche Erlaubnis von Kardinal Reinhard Marx erhalten, am 24. Dezember 2013 unter der Leitung von Dekan Jochen Hauer die Geburt Christi im Mariendom zu feiern. Eine Nachricht, die nach all den vielen Hiobsbotschaften des abgelaufenen Jahres Mut macht und Kraft gibt, dass auch der Herr Jesus Christus rechtzeitig zur 150-Jahr-Feier im Herbst 2014 an den für ihn bestimmten Platz auf dem Altar in der neu gestalteten Kirche zurückkehren kann.




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