Timi geht essen: Zum tapferen Schneiderlein

An dieser Stelle erst einmal vielen Dank für die unglaublich vielen Vorschläge, wo ich zum nächsten Mal essen gehen sollte. Einiges davon habe ich mir bereits angesehen. Sehr viele Gute sind dabei und auch ein paar Mittelgute. Seid mir aber bitte nicht böse, wenn ich es zu eurem Vorschlag erst im Laufe des Jahres schaffe; ich versuche mein Bestes.
Für diese Ausgabe habe ich mir also einen eurer Tipps angesehen. Genau gesagt: Toms Tipp. Los geht ́s.
Wir fahren aufs Land. Den Namen habe ich zunächst schon wieder vergessen. Es ist eine Gaststätte, in der Tom in seiner Jugend oft war und auch heute noch gerne hinfährt. Er lobt das Essen in den höchsten Tönen – nur die Pommes mag er nicht. So geht es dann Richtung Au. Tom kennt sich laut eigener Aussage hier in der Gegend aus wie in seiner Westentasche. Er kennt jede Stelle an der geblitzt werden kann oder wo ein Reh über die Straße huschen kann. Jedes Straßenschild und jede Kreuzung. Diese Aussage kann ich nicht unterschreiben. Bereits kurz nach Attenkirchen haben wir uns ziemlich verfahren. Er merkt an, dass die Straße wohl neu ist. Den Kreisverkehr hat er auch noch nie gesehen, wir stehen irgendwo in der Pampa. Es ist 20 Uhr. So beginnen für gewöhnlich Horrorfilme. Nach weniger als einer viertel Stunde haben wir wieder eine grobe Orientierung und Tom meint, dass hier eigentlich der Nabel der Welt ist und man sich praktisch gar nicht verfahren kann. Alles klar! Wir nähern uns jedenfalls mit großen Schritten unserem Ziel. Wie war der Name nochmal, Tom? Hirnkirchen? Aha, netter Name.
Jetzt kennt er sich tatsächlich aus. Links wohnt der Rucksack-Hans, rechts an der Bushaltestelle hat er immer ausgenüchtert und oben auf dem Berg steht dem verrauchten Toni sein Haus mit dem Partykeller.
Jetzt sind wir am Ziel: Das tapfere Schneiderlein heißt der Laden und sieht von außen ziemlich malerisch aus. Fast so wie ein kleines italienisches Landhaus. Dezent beleuchtet, mit einer kleinen Brücke über ein undefiniertes Rinnsal, netten Backstein-Deko-Wänden und freundlich bepflanzt. Von außen auf jeden Fall ansprechend.
Das Innere will so gar nicht zum Äußeren passen.  Nicht weniger liebevoll, aber eher ländlich rustikal. Holzvertäfelt, krachiger Osterschmuck an den Wänden, Stammtische für diverse Berufs- oder Sportgruppen, Bayern 3 im Radio und eine zünftige Bedienung die uns „Buam“ nach der Bestellung frägt. Ich nehme den legendären „Schubkarrn voi Glump“! Das ist, wie der Name schon sagt, ein/e Schubkarre, beladen mit allem, was die Küche so hergibt. Für Tom gibt ́s „nur“ einen Schnitzelteller. Aber bitte mit Bratkartoffeln – die Pommes mag er, wie wir wissen, nicht. Nach einem gscheiden Auer Bier kommt dann auch schon unser Essen. Jack, der Koch, hat all seine Register gezogen und in Windeseile eine kleine Auswahl der Küche auf die Schubkarre gezaubert. Vor allem natürlich erstmal Fleisch. Das wird tatsächlich in einer kleinen Schubkarre aus Holz serviert. Sehr fein! Dabei sind außerdem Putenschnitzel mit Kräuterbutter, Rindersteak mit Pfeffermischung, Schweinekotelette mit kleinem Kännchen voll Bratensoße, Würstl, Bratkartoffel, Pommes, Kroketten, Salat und Ayvar-Soße. Das Teil ist so mächtig, ich muss sicher die Hälfte mit heim nehmen.
Toms Schnitzel ist schon mal der Wahnsinn. Zwar mit der falschen Beilage serviert – wir erinnern uns: er mag hier keine Pommes – doch das ist in Anbetracht seines Hungers nun Nebensache. Nur so nebenbei: Die Pommes sind ziemlich gut. Noch besser ist allerdings sein Schnitzel: Butterweich, die Panade hebt sich leicht vom Fleisch. Wirklich sehr schön gemacht. Mein „Schubkarrn voi Glump“ steht dem in nichts nach. Besonders das Rindersteak ist nahe an der Perfektion. Innen leicht rosa, für mich ein bisschen zu durchgebraten. Das ist aber Geschmackssache. Alles im grünen Bereich. Auch der Rest ist monströs, macht selbst den fleißigsten Arbeiter satt, schmeckt wirklich durchgehend stimmig und ist gut durchdacht!
Nach der Hälfte mache ich schlapp. Ich brauch` nen Schnaps. Ich bestelle einen Überraschungsschnaps und bekomme nen Willi. Sehr überraschend – nicht. Tom isst fast den Teller leer. Seine Bratkartoffeln hat er dann auch noch bekommen. Nur ein paar Pommes hat er übrig gelassen. Er mag sie einfach nicht. Dann gibt ́s noch nen mittelguten Likör aufs Haus und wir sind weg.
Es war heute nicht die Erfindung des Rades. Alles schonmal gegessen, vielleicht auch schonmal ähnlich gut. Aber: Hier wird man  satt und es ist in Anbetracht der Qualität wirklich sehr günstig! Toms Schnitzelteller hatte zwei riesige, jeweils zwei-Hände-große Schnitzel und einen Berg Pommes. Für acht Euro. Mein Schubkarrn lag bei 15 Euro, ist aber genug für eine Familie mit kleinen Kindern oder einen Bären.
Ach ja: Wenn ihr das tapfere Schneiderlein nicht sofort findet und ihr nach dem Weg fragen müsst, wird den Laden niemand im Dorf und Umgebung kennen. Ihr müsst nach dem „Jack“, dem Koch, fragen.
Danke Tom für den guten Tipp, da geh ma mal wieder hin. Dann aber mit mehr Hunger, den Kindern und dem Bären.
Bis dann, Timi




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