Vötting 1898
Archivstück des Monats Mai 2021

Es war ein schöner, klarer Septembertag im Jahr 1898, als ein uns unbekannter Fotograf am Westabhang des Weihenstephaner Berges seine Kamera positionierte und das Dorf Vötting ablichtete. Der Standort an einem markanten Hangvorsprung, dem sogenannten „Stephanseck“, war gut gewählt – ließ sich von hier aus doch möglichst viel vom Dorf und seiner Umgebung erfassen.Die Fotografie, die dem Stadtarchiv Freising 2017 von einem Antiquariat angeboten wurde, wollen wir im Folgenden kurz näher betrachten.Wenden wir uns zunächst dem Weg zu, der im rechten unteren Bildteil angeschnitten ist: der Weihenstephaner Steig. Er verbindet die Dorfmitte mit dem Scheitel des Weihenstephaner Bergs. Bis 1803 hatte er für die Vöttinger Einwohner eine besondere Bedeutung: Am oberen Ende des Steigs erreichte man nicht nur die alte Pfarrkirche St. Jakob mit ihrem umliegenden Friedhof, sondern – einige Meter weiter – das Benediktinerkloster Weihenstephan, den Grund- und Gerichtsherrn der Klosterhofmark Vötting. Nach der Säkularisation des Klosters im Jahr 1803 und dem in diesem Zusammenhang erfolgten Abbruch der alten Pfarrkirche änderte sich die soziostrukturelle Ausrichtung des Dorfes. Die 1808 beziehungsweise im Zuge des bayerischen Gemeindeedikts von 1818 begründete Landgemeinde Vötting, die bis dahin nicht gekannte Selbstverwaltungskompetenzen erhielt, brachte eine Orientierung weg vom Weihenstephaner Berg und hin zum Ort selbst. Verstärkt wurde diese Tendenz auch durch den Bau der Schule schräg gegenüber des Wirtes (1804) beziehungsweise durch den Neubau der Pfarrkirche St. Jakob auf einer Anhöhe rund 150 Meter nördlich des Ortskerns (1854 bis 1857).Von der Ortsmitte ist auf der Fotografie nur ein Teil zu erkennen: Es sind überwiegend schon ganz aus Ziegeln gebaute Häuser, wie sie typisch für bayerische Dörfer des 19. Jahrhunderts waren. Im Vordergrund ist noch ein Haus des älteren Regionaltyps erhalten. Nur das Erdgeschoss ist aufgemauert, das Krüppelwalmdach dagegen ganz aus Holz gefertigt – inklusive der Schindeldeckung. Südlich unterhalb dieses Hauses (links) verläuft der Mühlenweg zur Vöttinger Mühle, die bis zur Säkularisation die Getreidemühle des Klosters Weihenstephan war (die Mühle selbst liegt freilich weit außerhalb der Perspektive der Fotografie). Links im Hintergrund fällt die Giggenhauser Straße mit einem einseitigen Pappelbewuchs auf. Darüber auf der Anhöhe erkennt man das Dorf Hohenbachern. Rechts sieht man drei Gebäude des „neuen“ Vötting des 19. Jahrhunderts: der Pfarrhof, die Pfarrkirche und – oberhalb der Vöttinger Straße gelegen – das neue (zweite) Schulgebäude aus der Zeit um 1880.QUELLEN: Stadtarchiv Freising, Fotosammlung.LITERATUR: Notter, Florian: Aufbruch und Umbruch. Freising in Fotografien der Jahre 1900 bis 1920 (Kataloge des Stadtarchivs Freising 2), München 2017, S. 188-189; Notter, Florian: Kirchen in der Pfarrei St. Jakob in Freising-Vötting, Freising 2007. 

Dieser Artikel erschien im FINK-Magazin vom Mai 2021.
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